FachartikelGesamtbanksteuerung & Reporting
Der Gorilla im Bankmanagement
Warum gutes Bankmanagement den Gorilla übersieht – und warum er auf jeder Ebene aus einem anderen Grund unsichtbar bleibt.
Zusammenfassung
Der Artikel geht von einem bekannten Experiment aus: Viele Menschen übersehen einen Gorilla im Bild, wenn sie mit dem Zählen von Ballwechseln beschäftigt sind (Simons & Chabris, 1999). Ich übertrage diesen Effekt auf die Banksteuerung und vertrete die These, dass er dort auf drei Ebenen auftritt. Im einzelnen Bericht geht eine wichtige Abweichung in der Menge der Kennzahlen unter (Feldman & March, 1981). Zwischen den Berichten entsteht ein Problem oft erst, wenn man mehrere Berichte zusammen betrachtet. Eine Gesamtbanksteuerung, die Zahlen nur addiert, erkennt das nicht. Beim Entscheider schließlich spielt eine Rolle, ob schlechte Nachrichten offen angesprochen werden können (Edmondson, 1999). Am Ende stehen vier Fragen, mit denen man das eigene Reporting prüfen kann.
Kernaussagen
- Knapp ist in der Steuerung nicht die Information, sondern die Aufmerksamkeit der Entscheider.
- Wer Ertrag, Risiko und Kapital nur addiert, sieht die Zusammenhänge zwischen ihnen nicht.
- Jede Kennzahl braucht einen Verantwortlichen, einen Schwellenwert und eine vorher festgelegte Reaktion.
- KI kann Muster über mehrere Datenquellen hinweg erkennen. Das hilft aber nur, wenn jemand die Warnung auch liest.
Ein berühmtes Experiment, 1999. Probanden sollen ein Video ansehen und zählen, wie oft sich Spieler in weißen Trikots den Ball zuwerfen. Mitten in der Szene läuft ein Mensch im Gorilla-Kostüm durchs Bild, bleibt stehen, trommelt sich auf die Brust, geht wieder.
Die Hälfte der Zuschauer sieht ihn nicht.
Nicht, weil er versteckt wäre – er steht mitten im Bild. Sondern weil alle damit beschäftigt sind, die Pässe zu zählen (Simons & Chabris, 1999). Die Forschung nennt das inattentional blindness: blind für das Offensichtliche, weil die Aufmerksamkeit woanders klebt.
Ein sehr ähnlicher Mechanismus lässt sich in der Banksteuerung beobachten. Wir zählen die Pässe – und übersehen den Gorilla. Der eigentliche Befund ist aber unbequemer: Es ist nicht je ein Gorilla pro Bericht. Es ist derselbe – und er wird mit jeder Ebene, auf der man ihn zu fassen versucht, schwerer zu erkennen. Aus der Verbindung von Wahrnehmungspsychologie und Organisationsforschung ergibt sich dabei – das ist meine These, nicht der gesicherte Stand der Forschung – ein Bild: ein und derselbe Gorilla auf drei Ebenen der Steuerung, und auf jeder übersehen wir ihn aus einem anderen Grund. Zuerst, weil zu viel Information ihn verdeckt. Dann, weil er in keinem Bericht steht, sondern nur dazwischen. Zuletzt, weil das Hinsehen unbequem ist.
Im einzelnen Bericht – verloren in der Menge
Jedes Haus produziert zuverlässig Strategiepapiere, Dashboards, Risikoberichte, Vorstandsvorlagen – Monat für Monat. Nur die unbequeme Frage stellt sich selten: Wie viele Entscheidungen im letzten Quartal haben sich tatsächlich wegen dieser Berichte geändert?
Allzu häufig bleibt es beim Vortragen statt beim Steuern. Auf vierzig Seiten stehen vierzig Kennzahlen gleichberechtigt nebeneinander – und die eine, die kippt, geht im Grün der anderen unter.
Das ist kein Einzelfall, sondern ein seit Jahrzehnten erforschtes Muster. Feldman und March zeigten schon 1981, dass Organisationen systematisch mehr Information sammeln, als sie nutzen – weil viel zu erheben nach Gründlichkeit aussieht. Information wird zum Statussymbol, nicht zum Werkzeug.
Die Antwort auf dieser Ebene ist alt und unterschätzt: das Ausnahmeprinzip, Management by Exception. Klassisch umfasst das Konzept Delegation, Eskalationsschwellen und ein Eingreifen erst bei der Ausnahme. Ein Kerngedanke für die Steuerung lautet dabei nicht „weniger berichten“, sondern: Aufmerksamkeit konsequent auf die entscheidungsrelevanten Abweichungen lenken – im Guten wie im Schlechten.
Die knappste Ressource im Steuerungsprozess ist nicht Information. Es ist die Aufmerksamkeit der Entscheider.
Zwei Präzisierungen, ohne die das Prinzip kippt: Pflichtgrößen wie Risikotragfähigkeit, ICAAP/ILAAP oder Liquidität bleiben immer sichtbar, auch wenn alles grün ist. Und die Schwelle ist Handwerk – bei volatilen oder granularen Größen braucht es statistisch fundierte Grenzen statt starrer 5 %, plus einen Trend-Blick gegen die schleichende Drift.
So weit das bekannte Problem. Doch der Gorilla bleibt nicht im einzelnen Bericht.
Zwischen den Berichten – wo ihn keiner sucht
Die gefährlichere Unsichtbarkeit liegt nicht in einem Bericht, sondern zwischen ihnen. Jeder Bericht ist ein Silo – sachlich, zeitlich, organisatorisch abgeschlossen. Der Risikobericht steht für sich. Der Vertriebsbericht steht für sich. Die Liquiditätsmeldung steht für sich. Jeder ist intern sauber, jeder zeigt „grün“ oder „leichte Abweichung“.
Und genau deshalb sieht niemand das Problem – weil es in keinem einzelnen Bericht steht, sondern erst in der Verbindung zwischen ihnen entsteht.
Ein Beispiel macht es greifbar. Der Vertrieb meldet steigendes Neugeschäft – grün. Das Risikocontrolling meldet eine leicht steigende, aber unauffällige Risikovorsorge – im Rahmen. Die Konditionsübersicht zeigt minimal sinkende Margen – nicht der Rede wert. Jeder Bericht für sich: harmlos. Zusammengelegt erzählen die drei aber eine klare Geschichte: Wir kaufen Wachstum über Risiko und Marge ein.
Es ist derselbe Gorilla – nur lässt er sich jetzt keinem einzelnen Bericht mehr zuordnen. Er taucht in keinem der drei auf, weil er kein Datenpunkt ist, sondern ein Muster über Berichte hinweg.
Warum das so schwer zu sehen ist, hat drei Gründe. Organisatorisch hat jeder Bericht einen anderen Eigentümer – und keiner ist für die Verbindung zuständig; die Schnittstelle gehört niemandem. Zeitlich laufen die Berichte in unterschiedlichen Takten und Gremien, sodass die Teile nie gleichzeitig auf demselben Tisch liegen. Kognitiv bestätigt jedes Silo für sich „alles in Ordnung“ – und drei mal „in Ordnung“ fühlt sich an wie „insgesamt in Ordnung“, obwohl die Summe etwas völlig anderes bedeutet.
Das Hauptproblem ist nicht, dass Berichte ungelesen bleiben. Es ist, dass sie einzeln gelesen werden.
Wem gehört dieses Niemandsland zwischen den Silos? Hier sollte das Problem eigentlich auffallen. Denn es gibt eine Funktion, deren Auftrag genau das ist – die Gesamtbanksteuerung. Sie ist per Definition die integrierte Sicht: Ertrag, Risiko, Kapital und Liquidität zusammengeführt, nicht nebeneinander. Auch die Aufsicht zielt darauf – ICAAP und ILAAP verlangen eine integrierte Betrachtung von Risiken, Kapital und Liquidität und betonen ausdrücklich deren wechselseitige Zusammenhänge.
Auf dem Papier ist das Problem damit gelöst. In der Praxis oft nicht. Denn nach meiner Beobachtung bleibt die Gesamtbanksteuerung häufig auf aggregierten Kennzahlen stehen – sie summiert, statt zu verbinden. Sie zählt die Silo-Ergebnisse zusammen – Gesamtertrag, Gesamtrisiko, Gesamtkapitalquote – und legt sie in einer weiteren, eigenen Vorlage nebeneinander. Das ist aber nur das Silo-Problem auf höherer Flughöhe: ein neuer Bericht, in dem jede aggregierte Zahl für sich „im Rahmen“ aussieht. Die Kausalkette zwischen den Silos – wie das Wachstum die Risikoentwicklung treibt, die die Marge frisst – geht beim Aggregieren verloren. Auch hier bleibt der Gorilla also unentdeckt.
Summieren ist nicht dasselbe wie Verbinden. Wer Ertrag, Risiko und Kapital nur addiert, baut den größten Silo-Bericht von allen.
Genau hier hätte im Übrigen KI ihren stärksten echten Hebel – nicht im einzelnen Bericht, sondern beim Erkennen von Mustern quer über Datenquellen, die ein Mensch nie nebeneinanderlegt. Aber – das sei offen gesagt – ein besseres Modell, dessen Warnung in derselben unbeachteten Vorlage landet, hat nichts gewonnen. KI macht eine funktionierende Steuerung schärfer. Eine kaputte repariert sie nicht.
Die Lösung auf dieser Ebene ist deshalb keine Technik, sondern eine Verantwortungsfrage: Es braucht nicht nur einen Eigentümer pro Kennzahl, sondern jemanden, der die Verbindungen verantwortet – eine Gesamtbanksteuerung, die in Treiberlogiken denkt statt in Gesamtsummen. Und es gilt auch hier: Die bloße Existenz einer Gesamtbanksteuerung ersetzt keine wirksame Integration.
Beim Entscheider – wo das Hinsehen unbequem wird
All diese Werkzeuge – Schwellen, Eigentümer, Treiberlogiken – greifen ins Leere, wenn das Verhalten der Entscheider gleich bleibt. Denn auf der dritten Ebene wird der Gorilla nicht mehr nur übersehen. Man sieht nicht hin, weil das Hinsehen unbequem ist. Das Reporting ist nur der Spiegel.
Drei Dinge liegen deshalb bei den Entscheidern, nicht im System.
Aufmerksamkeit ist eine Führungsentscheidung. Worauf ein Entscheider schaut, signalisiert der ganzen Organisation, was zählt. Wer jede Vorlage gleich behandelt, lehrt das Haus, dass alles gleich wichtig sei – also nichts. Der Filter entsteht im Kopf des Entscheiders, nicht im Dashboard.
Die vorab definierte Reaktion ist Selbstbindung. Sich festzulegen, bevor die Abweichung da ist, schützt vor dem eigenen Wegschauen im Moment des Drucks – wenn die bequeme Deutung lautet: „Sondereffekt, nächsten Monat wieder normal.“ Wer die Reaktion erst im Abweichungsmoment sucht, findet meist eine Erklärung statt einer Entscheidung.
Schlechte Nachrichten müssen ankommen dürfen. Ob Abweichungen offen auf den Tisch kommen oder schöngeredet werden, hängt davon ab, was ein Entscheider mit dem Überbringer macht. Amy Edmondson hat diesen Mechanismus als psychologische Sicherheit erforscht – die geteilte Überzeugung, dass es sicher ist, ein zwischenmenschliches Risiko einzugehen und Unangenehmes auszusprechen (Edmondson, 1999). Fehlt sie, werden Abweichungen nicht gemeldet, sondern weggeräumt. Auch Pfeffer und Sutton beschreiben in ihrer Arbeit zum Knowing-Doing Gap mehrere Ursachen – Anreizsysteme, Hierarchien, interne Politik –, und Angst vor negativen Konsequenzen gehört zu den zentral genannten: Wo der Bote unter Druck gerät, lernt die Organisation zu verstecken – und der Gorilla wird unsichtbar gemacht, nicht bloß übersehen.
Was bleibt: vier Fragen, mit denen man den eigenen Gorilla findet
Über alle drei Ebenen hinweg trägt eine einfache Logik. Ich gebe sie hier bewusst nicht als fertiges Modell weiter, sondern als Fragen – denn der Gorilla sitzt in jeder Steuerung woanders. Ob ein Reporting wirklich steuert, zeigt sich daran, ob es vier Fragen beantwortet:
- Was ist passiert?
- Warum? (und zwar über die Silogrenze hinweg)
- Ist die Abweichung wesentlich genug, um zu handeln?
- Welche Entscheidung folgt daraus – und wirkt sie?
Die meisten Berichte enden nach Frage eins. Genau das ist die Lücke. Frage drei verhindert Aktionismus bei jeder Schwankung – nicht jede erklärbare Abweichung verlangt eine Reaktion. Und Frage vier schließt den Regelkreis: Ohne die Wirkungskontrolle ist Steuerung eine Einbahnstraße, kein Kreislauf. Die ganze Kette schließt man nicht mit mehr Daten, sondern mit einer simplen Regel: Jede Kennzahl braucht einen Eigentümer, eine Schwelle und eine vorab definierte Reaktion – und jede Schnittstelle braucht jemanden, der sie liest.
Wer das bei sich prüfen will, braucht keinen Beratungsauftrag – eine einzige Frage genügt als Einstieg:
Welche Handlung löst eine Kennzahl aus, wenn sie eine Schwelle reißt?
Jedes leere Feld dahinter ist ein Bericht ohne Steuerungsfunktion. Und dann die schwierigere Variante derselben Frage: Wer sieht eigentlich hin, wenn zwei Berichte gleichzeitig nur leicht kippen? In vielen Häusern hat genau diese Schnittstelle keinen Adressaten – und genau dort läuft der Gorilla.
Die wenigsten Steuerungsprozesse scheitern an fehlendem Wissen. Sie scheitern an der Übersetzung – von Information zu Handlung, und von Silo zu Gesamtbild. Der Gorilla läuft nicht durchs Bild, weil keiner hinschaut. Er läuft, weil alle auf die Pässe schauen.
Das eigentlich Verblüffende am Experiment von 1999: Die meisten Menschen sind überzeugt, sie würden einen so offensichtlichen Gorilla niemals übersehen. Und genau die Hälfte tut es trotzdem. Die ehrlichste Reaktion auf diesen Text ist deshalb nicht „kenne ich von anderen Häusern“, sondern die Frage an die eigene Steuerung:
Wo läuft mein Gorilla gerade durchs Bild?
Quellen
Edmondson, A. C. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.
Feldman, M. S. & March, J. G. (1981). Information in Organizations as Signal and Symbol. Administrative Science Quarterly, 26(2), 171–186.
Pfeffer, J. & Sutton, R. I. (2000). The Knowing-Doing Gap: How Smart Companies Turn Knowledge into Action. Harvard Business School Press.
Simons, D. J. & Chabris, C. F. (1999). Gorillas in Our Midst: Sustained Inattentional Blindness for Dynamic Events. Perception, 28(9), 1059–1074.
Zitiervorschlag
Berding, C. (2026): Der Gorilla im Bankmanagement. MMI.Scope Insights. Online: https://www.mmi-scope.de/insights/gorilla-im-bankmanagement/ (abgerufen am TT.MM.JJJJ).
Dieser Artikel gibt meine persönliche Meinung wieder, nicht die meines Arbeitgebers. Er ist keine Rechts-, Anlage- oder Unternehmensberatung.
